Warum wir Feminismus immer noch brauchen oder: Ein Strauß Rosen voller Einwände

(von Vio)

Abgesehen davon, dass das Wort Feminismus in vielen Köpfen Unbehagen auslöst oder mit Männerhass assoziiert wird, wird oft die Frage gestellt, weshalb wir Feminismus denn überhaupt noch bräuchten. Auf den ersten Blick wirkt es für viele, als hätte frau schon eine Gleichstellung erreicht. Das Bundeskanzler*innenamt besetzt eine Frau, generell erklimmen immer mehr Frauen höhere Ämter in ihrer Karriere, Bildung steht seit 350 Jahren auch uns zu, das allgemeine, gleiche Wahlrecht haben Frauen hierzulande seit 1918, in der Schule und in der Uni schreiben wir gute Noten, machen Abschlüsse und meistern erfolgreich Berufsausbildungen. Es besteht immerhin eine Straffreiheit unter bestimmten Vorraussetzungen für eine  Abtreibung, immer mehr Frauen, die sich trauen Vergewaltigungen anzuzeigen und es existieren Frauenquoten. „Natürlich“ wirkt das für viele erstmal so, als bestünde Gleichberechtigung. Aber nicht für mich. Meine feministische Brille setzt sich immer fester ab, je mehr Unterdrückung ich mitbekomme. Jeden Tag. Und ja, es sind auch oder gerade die Feinheiten, die diese Unterdrückung ausmachen. Es ist nicht so, dass ich die bisherige Entwicklung nicht anerkenne, viel mehr drängt sich mir die Frage auf, weshalb wir uns mittlerweile in der dritten Welle des Feminismus befinden und ich trotzdem das Bedürfnis habe diesen Text zu schreiben.

Also zweiter Blick: Gleichberechtigung wäre das alles für mich nur, wenn es selbstverständlich wäre, dass Frauen die Entscheidung fernab der gesellschaftlichen Rollenverteilung überlassen wird, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen, dass sie Karriere machen, auch in so deklarierten „Männerberufen“, dass eine Frau etwas beeinflusst. Wenn eine Frauenquote gar nicht mehr von Nöten wäre. Wenn eine Frau ihre Abtreibung nicht mehr rechtfertigen müsste und wenn es mehr Ärztinnen*Ärzte gäbe, die aufhören würden dieses Thema zu tabuisieren und sich stattdessen für das Selbstbestimmungsrecht der Frau einsetzen würden.

Dritter Blick: Frauen verdienen ca. 21 % weniger als Männer. Nach Estland (28,3%) und Österreich ( 22,9%) ist Deutschland somit das Land mit der drittgrößten Lohndifferenz in Europa. Oder schlimmer gesagt: Ab dem 11. Oktober arbeiten wir quasi gratis. Das liegt daran, dass Frauen eher in atypischen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und dazu auch in sozialen Branchen, die oft schlechter bezahlt sind, als zum Beispiel Jobs im produzierendem Gewerbe. Dieses lässt sich jedoch auch auf unsere Rollenverteilung in der Gesellschaft beziehen. In gleichen Berufen verdienen Frauen jedoch trotzdem noch 6 % weniger, als ihre männlichen Arbeitskollegen. Das Steuermodell des Ehegattensplittings bietet dabei meiner Meinung nach nicht wirklich Vorteile, da es nur Hand in Hand mit dieser traditionellen Rollenverteilung geht.

Vierter Blick: Topmodelshows und Magazine glorifizieren einen bestimmten Körpertyp „Schlank, weiß und able-bodied“( sind somit nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch und ableistisch ) und fördern damit nicht gerade das Selbstwertgefühl unter den Heranwachsenden. Jedes vierte Mädchen in Deutschland leidet unter einer Essstörung, wie etwa Magersucht oder Bulimie. Nach dem Hungern folgt eine der ca. 30000 schönheitschirurgischen Eingriffe, die in Deutschland pro Jahr durchgeführt werden. Die Ironie dahinter: Die gleichen Frauen, die sich jeden Tag schminken und sich gar einer Operation unterziehen, nur, um dem Frauenbild der Gesellschaft zu entsprechen und dabei behaupten, dieses wäre ihre freie Entscheidung, prangern  die Unterdrückung und den Zwang an unter denen 6000 Mädchen täglich beschnitten werden ( von welchen insgesamt 30 % an den Folgen sterben ) ohne dabei zu merken, dass sie sich selbst jeden Tag unterdrücken lassen. Anzumerken ist, dass es absolut in der Entscheidungsfreiheit der Menschen stehen sollte, ob sie sich zum Beispiel aus eigener Interesse schminken, jedoch stellt sich die Frage wie viele sich ohne Make-Up gar nicht mehr auf die Straße trauen und wie viele sich eigentlich schminken würden, wenn es nicht mehr von der Gesellschaft vorgegeben würde. Nebenbei führt diese menschenverachtende Fashion-Industrie zu Konkurrenzkämpfen unter den Frauen selbst. Ganz nach dem Motto „Je größer die Oberschenkellücke, desto schöner, klüger, erfolgreicher“ vergleichen sich Mädchen und Frauen untereinander, anstatt sich selbst und gegenseitig zu akzeptieren und unterstützen. All´ das passiert so selbstverständlich, als wäre das höchste Gut der Weiblichkeit die Schönheit.

Fünfter Blick: In Disneyfilmen wird grundsätzlich der weibliche Charakter vom männlichen Charakter gerettet. Wie soll da eine fungierte Vorbildfunktion für heranwachsende Mädchen existieren. Anstatt emanzipatorische Bildung zu fördern, werden Klischees weiter verankert. Das weibliche Geschlecht sei mit Schwäche gleichgesetzt, Frauen wären durch ihre Darstellung selbst Schuld an Vergewaltigungen und der Standardsatz der Kindheit wird so zahlreich verteilt wie Rosen: „Die Jungs ärgern euch nur, weil sie euch mögen“. Eltern sollten ihren Kindern lieber beibringen sich mit Worten und notfalls Taten zu verteidigen, anstatt sie einfach diese Ungerechtigkeit hinnehmen zu lassen. Schon von kleinauf wird ihnen diese ungerechte Rollenverteilung vermittelt. Vor allem in den Werbungen werden die geschlechtlichen Stereotype verdeutlicht. Quer durch die Werbebranche werden Frauen auf ihre Brüste, ihren Hintern und ihre Beine reduziert und damit objektifiziert. Somit steigt die Anzahl an Vergewaltigungen auch weiter an, wenn Frauen nicht nur in der Werbung, sondern generell in der vorherrschenden Rape Culture nur als Objekt und nicht als Subjekt wahrgenommen und behandelt werden. Mit Sätzen wie „Stell dir vor, es wäre deiner Schwester passiert“ wird im Internet versucht dagegen anzugehen. Frauenfeindlicher könnte mensch jedoch gar nicht argumentieren, da das Wohl der Frau so nur über einen ihr zugeordneten Mann begründet wird. Frauen sind Menschen und das als Fakt reicht aus, um ihr Wohl und ihre Würde zu achten.

Der Feminismus ist nicht in unserer Gesellschaft verankert. Stattdessen versteckt er sich täglich hinter Köpfen, die sich unterdrückt fühlen, sich nicht trauen etwas zu sagen, weil „diese Feminist*innen nur noch nerven“. Wir brauchen mehr Menschen, die für die Gleichberechtigung aufstehen, laut sind und sich nicht den Mund verbieten lassen. Lasst uns grün-lila sein und für diese Rechte kämpfen!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Feminismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s