Junggrüne Europäer in Helsinki

Anfang des Monats veranstaltete die Federation of Young European Greens (FYEG) in Helsinki ein Seminar mit dem Titel „Arts, Crafts and Politics“. Dort habe ich zusammen mit den anderen

Tag 1

Teilnehmer*innen aus insgesamt 20 verschiedenen Ländern Kommunikationsstrategien für politische Kampagnen erarbeitet und verschiedene Formen des Artivism (Arts & Activism) erprobt. Als Ergänzung zu den praktisch orientierten Sitzungen hatten wir zahlreiche politische Akteure zu Gast, die uns von ihren persönlichen Erfahrungen berichteten und uns Tipps für die Arbeit in unseren lokalen Gruppen mit auf den Weg gaben.


Als erstes sprach Natalie Bennet (Vorsitzende der Green Party of England and Wales) mit uns über die Einbettung einzelner Aktionen in die „bigger story“, die hinter jeder grünen Kampagne erkennbar sein sollte. Ihrer Erfahrung nach ist es elementar, zu vermitteln, dass Grün zu sein nicht bedeutet etwas aufzugeben, sondern etwas zu gewinnen – ein besseres Leben für alle. Um das zu erreichen, sollte nicht die Änderung des individuellen Verhaltens im Mittelpunkt stehen, sondern die notwendigen Veränderungen im System. Die Formen des Aktivismus, mit denen Menschen sich für grüne Ziele einsetzen, können dabei ganz unterschiedlich sein. Entscheidend ist es, verschiedene ! Möglichkeiten des Engagements anzubieten, um möglichst viele Menschen zu gewinnen. Gerade jetzt sei ein guter Zeitpunkt dafür, denn die aktuellen Krisen stellen uns vor einen Wendepunkt und machen es möglich, einen Wandel in die richtige Richtung zu erreichen. Dazu ist es wichtig, dass wir jeden kleinen Erfolg feiern. Denn Schritt für Schritt kommen wir damit zum Ziel. Wir müssen diese positive Botschaft wieder nach außen transportieren und zeigen: Soweit sind wir schon gekommen – das haben wir noch vor uns.

Lasse Miettinen (Parteisekretär der finnischen Grünen) berichtete von den Entwicklungen der Grünen Partei in Finnland in den vergangenen Jahren. Vor fünf Jahren holte der grüne Präsidentschaftskandidat die zweitmeisten Stimme, gleich nach dem konservativen Kandidaten.

Lasse Miettinen

Der Partei gelang es jedoch zunächst nicht, diesen persönlichen Erfolg in einen Aufschwung für die gesamte Partei umzuwandeln. Daraufhin sprachen sie mit Grünen in anderen Ländern, um dadurch ihre eigene Kampagne zu verbessern. Vor allem die erfolgreichen österreichischen Grünen dienten dabei als Orientierung. Im Zentrum stand, das große Potenzial bei den Wähler auszuschöpfen, die den Grünen etwas abgewinnen können, jedoch nicht besonders politisch interessiert sind. Dazu war es nötig, Recherchen zu betreiben, um herauszufinden, welche Themen diese Menschen bewegen. Denn bei jeder Kampagne gilt: Je genauer die Zielgruppe umrissen ist, desto effizienter lassen sich die oftmals sehr begrenzten Ressourcen nutzen. Dazu mussten die Grünen aufhören, davon auszugehen, dass alle potenziellen Wähler in gleichem Ausmaß von denselben Werten angetrieben wurden, wie die politisch Aktiven selbst. Dieser Schritt sei in einer mittlerweile seit vielen Jahren etablierten Partei teils schwer umzusetzen.
In Finnland schaffte man es erfolgreich, eine neue „Marke“ aufzubauen, die einen hohen Wiedererkennungswert und eine zentrale Botschaft hat: „Wir schaffen eine bessere Welt. Schritt für Schritt.“ Auch wenn es natürlich um rationale Forderungen geht und die intensiven inhaltlichen Debatten innerhalb der Partei wichtig sind, versuchte man nun wieder die Menschen emotional zu berühren, statt sie allein mit Fakten überzeugen zu wollen. Die einzelnen politischen Forderungen sollten immer erkennbarer Teil einer übergeordneten Geschichte sein. Gerade in Zeiten von großer Verunsicherung ist es zentral, eine positive Botschaft zu vermitteln. Die Idee einer Veränderung sollte nicht wie ein Sprung ins Unbekannte wirken, sondern einer positiven Agenda folgen, die deutlich macht, wofür die Grünen kämpfen, nicht wogegen.
Außerdem mussten seines Erachtens nach viele politische Akteure erst lernen, klare und verständliche Botschaften zu vermitteln. Durch den Anspruch, keine populistischen Äußerungen zu tätigen, verstrickten sie sich in Details der politischen Agenda und verloren damit den Bezug zu den Bürger*innen außerhalb des politischen Tagesgeschäfts.
Während der Kampagne versuchte man, schnell auf neue Entwicklungen zu reagieren, sodass die Grünen stets die Ersten waren, die Neuigkeiten einordneten, reflektierten und für die Wähler in einen größeren Kontext setzten. Dabei lag der Fokus auf der eigenen Agenda und nicht darauf, die Aussagen der rechten Parteien zu widerlegen. Dazu mussten die Grünen anfangen, auch bei kontroversen Debatten klare Position zu beziehen, mit der sich die Menschen identifizieren können, statt bloß niemanden abschrecken zu wollen.
Bei ihren Plakaten verzichteten sie auf die typischen Portrait-Fotos von Politiker*innen und zeigten Menschen in Alltagssituationen in Kombination mit klar formulierten, progressiven Handlungen für die Zukunft.
Diese neue Strategie war erfolgreich: Heute sind die Grünen die zweitstärksten Kraft in Finnland. Möglicherweise finden sich dort auch einige Ansatzpunkte für die deutschen Grünen, um ihre Ziele besser zu kommunizieren und das Image der „Besserwisser*innen-Partei“ endlich abzulegen.

Der nächste Referent war Sybren Kooistra, der bei der Kampagne für Obama in den USA und für Jesse Klaver in den Niederlanden mitgewirkt hatte. Seine zentrale Botschaft fasste er in einem Zitat von Thomas Jefferson zusammen: „On matters of style, swim with the current, on matters of principle, stand like a rock.”. Es ist entscheidend, die aktuelle Stimmung einzufangen und den richtigen Ton zu treffen bei den Fragen, die die Menschen bewegen. Bei der Vermittlung eigener Forderungen sollte der aktuelle Diskurs immer im Mittelpunkt stehen. Nur so kann man Verständnis vermitteln anstatt belehrend zu wirken. Zuhören – das ist seiner Ansicht nach eine der zentralen Fähigkeiten, die die niederländischen Grünen in den letzten Jahren gelernt haben. Die Botschaft sollte dabei idealerweise hoffnungsvoll, humorvoll, dringlich und von hohem Wiedererkennungswert sein. Gerade die Grünen haben den Ruf, sich um Luxusprobleme zu kümmern, statt die alltäglichen Sorgen der Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Daher ist es umso wichtiger, die Bedeutung der grünen Ziele für jeden Einzelnen deutlich zu machen.

Mit Heidi Hautala (Mitglied des Europäischen Parlaments) sprachen wir über die Schwierigkeit,

Heidi Hautala

ein positives Narrativ zu finden, mit dem man die EU den Bürger*innen näher bringen kann, ohne dabei die Probleme der EU aus den Augen zu verlieren. Schließlich hatten wir noch Pekka Haavist (aktueller Präsidentschaftskandidaten der finnischen Grünen) zu Gast. Dabei ging es vor allem um die Probleme, die uns in den verschiedenen europäischen Ländern aktuell beschäftigen. Dabei wurde deutlich, dass sich die Themen, die vor allem junge Grüne beschäftigen, trotz sehr unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen sehr ähneln.

Dieses Seminar hat mir wieder einmal vor Augen geführt, warum ich meine Freizeit grüner Politik widme. Denn neben dem eigentlichen Programm waren es insbesondere die Gesprächen mit den

Pekka Haavist

anderen Teilnehmer*innen, die diese Woche so besonders gemacht haben. Die zahlreichen Geschichten von jungen Menschen, die in ihren unterschiedlichen Heimatländern mit so viel Begeisterung und vollem Einsatz für ihre Ziele kämpfen, machen Mut und motivieren enorm, auch selbst noch mehr die Initiative zu erreichen. Vernetzungen dieser Art, die in offenen Diskussionen ganz unterschiedliche Sichtweisen auf grüne Ideen zusammenbringen, sind enorm wertvoll und machen einen gemeinsamen Wandel über Landesgrenzen hinweg möglich. Daher möchte ich allen Beteiligten bei der FYEG an dieser Stelle noch einmal danken, dass sie so zahlreiche Möglichkeiten schaffen, jungen Menschen in Europa eine Stimme zu geben.

 

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